PFERDE LÜGEN NICHT
Wenn sich etwas verändert, sieht man es. Man sieht es daran wie ein Pferd atmet, wie es sich bewegt, wie es auf seinen Menschen reagiert.
Die Menschen die hier stehen, kamen mit Pferden die irgendwo feststeckten. Manche seit Monaten, manche seit Jahren.
Sie alle haben eines gemeinsam: Sie waren bereit hinzuschauen statt zu korrigieren.
Die Geschichten habe ich aus unserer gemeinsamen Arbeit heraus aufgeschrieben — mit dem Einverständnis meiner Kunden.
Die Zitate am Ende sind ihre eigenen Worte.

VANESSA W.B. & ZENEK
Zenek— der Pole der das Vertrauen in die Menschen verloren hat
Zenek war früher Schulpferd. Er hatte viele Menschen erlebt, und irgendwann hat er aufgehört, ihnen zu vertrauen. Seine Besitzerin, übrigens auch eine Vanessa, konnte mit ihm eigentlich gar nichts machen. Er hat gebissen, sich losgerissen, ist weggerannt oder hat komplett blockiert. In manchen Situationen hat er sich so hochgefahren, dass er einfach nicht mehr erreichbar war. Allein irgendwo mit ihm hingehen? Undenkbar. Als die beiden zu mir kamen, war Zenek schon knapp zwei Jahre bei ihr. Körperlich hatten sie einiges geschafft. Monatelang hat Vanessa jeden Tag kleinschrittig trainiert, Pausen gemacht, wieder angefangen, noch kleinschrittiger. Manches wurde besser, manche Themen blieben einfach. Irgendwann wusste sie nicht mehr, ob sie so überhaupt weiterkommt. Die ersten acht Wochen haben wir nur an der Grundlage gearbeitet. Und dann fingen die kleinen, ziemlich verrückten Dinge an. Andere Pferde nebenan auf der Wiese? Plötzlich egal. Ein Trecker fährt einmal komplett um den Reitplatz, und Zenek steht in der Mitte und guckt. Das war's. Inzwischen sind die beiden in der zweiten Runde und haben zusätzlich mit dem körperlichen Training angefangen. Und vor ein paar Tagen ist Vanessa mit Zenek allein zur Wiese gegangen. Ohne zweites Pferd. Er ist nicht hochgefahren, war die ganze Zeit bei ihr, hat am Weidetor gewartet, bis sie aufgemacht hatte, und ist ruhig mit ihr durchgegangen. Danach saß sie im Auto und hat geweint. Für die meisten ist ein Pferd, das mit seinem Menschen zur Wiese geht, nichts Besonderes. Für ein Pferd, das Menschen nicht mehr getraut hat, ist es riesig.
"Aber nach inzwischen mehr als zehn Wochen kann ich sagen: Bei diesem Pferd verändert sich gerade wirklich etwas. […] Wir arbeiten halt endlich wirklich an der Basis!"
- Vanessa W.B.

JULIA & PUSTYNNY
Pustynny — der Araber, der nicht schlafen konnte
Julia kam zu mir mit einem Pferd, das innerlich keine Ruhe fand. Pustynny, ein Araber, hatte sich seit langer Zeit nicht mehr zum Schlafen hingelegt. Er war ständig angespannt, wusste nicht wohin mit seinem Stress und fraß Gras. Mit Hunger hatte das nichts zu tun, Fressen war das Einzige, womit er sich selbst runterfahren konnte. Sein Nervensystem hatte gelernt, dass Entspannung nicht sicher ist. Julia war am Anfang skeptisch. Sie hat mich via WhatsApp mit Fragen gelöchert, bevor sie überhaupt gebucht hat — was ich ihr nicht verüble, weil man das bei einem so sensiblen Pferd auch nicht anders machen sollte. Wir haben dann mit dem 8-Wochen-Training angefangen. Nach zwei Wochen hat Pustynny sich zum ersten Mal wieder flach zum Schlafen hingelegt. Einfach so. Ganz flach. Julia hat mir geschrieben und ich weiß noch genau wie ich das gelesen hab — das ist der Moment für den man diese Arbeit macht. Am meisten berührt hat mich aber ein anderer Moment: das erste Mal, dass Pustynny freiwillig zu Julia kam, statt zum Gras zu gehen. Aus sich heraus. Weil er bei ihr Sicherheit gefunden hat. Inzwischen trainiert Julia auch ihr zweites Pferd mit dem gleichen Konzept.
"Endlich komme ich mit den beiden voran, endlich hab ich einen roten Faden, endlich tut das Training den Pferden gut. Endlich werden wir verstanden."
- Julia W.

SILKE & LUCERO
Lucero — der Spanier der nicht wusste wie man nicht angreift
Silke kam zu mir mit einem Pferd das die meisten längst abgegeben hätten. Lucero, ein Spanier, hat jedem gedroht, gebissen, angegiftet egal wen, egal wann. Und trotzdem war Silke da. Hat nicht aufgehört nach einem Weg zu suchen. Das allein sagt schon alles über sie. Lucero musste so lange kämpfen, dass er gar nicht mehr wusste, wie es sich anfühlt, wenn man's nicht muss. Der Kampfreflex war seine einzige Sprache geworden. Und die hat er laut und deutlich gesprochen. Also haben wir genau da angefangen. Beim Nervensystem, bei der Wurzel. Lucero musste erst mal die Erfahrung machen dass es auch anders geht. Und dann, nach ein paar Wochen Training, stand er ruhig bei einer körperlichen Behandlung. Hat sich anfassen lassen. Hat sich sogar an den Ohren berühren lassen, was vorher einfach ein Ding der Unmöglichkeit war. Er hat die Therapeutin weder gebissen noch ihr gedroht. Er war einfach da. Entspannt. Bei sich. Silke hat mir danach eine so herzerfüllte Sprachnachricht geschickt, dass ich sie zweimal anhören musste. Abgesehen davon, haben ihn Traktoren vorher in totale Panik versetzt. Heute macht er noch große Augen wenn einer vorbeikommt aber er rennt nicht mehr panisch davon. Er hält dabei nicht einfach still. Er kann endlich durchatmen.
"Er hat noch nie, wirklich noch nie, so entspannt da gestanden und sich behandeln und genießen lassen"
- Silke B.

ALISSA & JOLLY
Jolly — die Stute, die vor Kühen floh
Alissa kam zu mir mit einer Stute, die das Leben gerne mal auf die harte Tour zeigte. Jolly, ein Mix, war unberechenbar, hatte panische Angst vor Kühen und rastete regelmäßig aus. Böse war sie dabei nie. Sie stand innerlich so unter Strom, dass der kleinste Auslöser zu viel war. Pferde wie Jolly sind die, bei denen viele aufgeben. Oder noch mehr Druck machen. Beides hilft nicht. Das Training mit den beiden war kein gerader Weg. Es gab Höhen, es gab Tiefen, es gab Momente wo man kurz dachte okay, heute nicht. Das ist normal wenn ein Nervensystem lernt, dass die Welt sicherer ist als es bisher gedacht hat. Veränderung passiert nicht linear. Und dann kam der Moment den ich so schnell nicht vergesse. Jolly stand neben Kühen. Ließ sich von ihnen anschnuppern. Einfach so. Dieselbe Stute, die vorher bei ihrem Anblick durchgedreht wäre. Da hat sie niemand an Kühe gewöhnt. Jolly hat gelernt, sich selbst zu regulieren. Alissa war so überzeugt, dass sie mittlerweile auch ihr zweites Pferd zu mir ins Training gebracht hat.
"Fühle mich super aufgehoben und bin froh, das Gefühl zu haben mit einer Freundin zu trainieren. Meine Stute entwickelt sich toll."
- Alissa G.

MONIKA & ROMEO
Romeo — das Warmblut das wieder träumen lernte
Monika kam zu mir mit einer Frage, auf die niemand eine Antwort hatte. Romeo, ein Warmblutmix, hatte sich seit Jahren nicht mehr zum Schlafen hingelegt. Stattdessen knickte er immer wieder ein, fiel fast hin: Pseudonarkolepsie, ein Zeichen dafür dass ein Pferd so erschöpft ist, dass es im Stehen wegdämmert weil es sich nicht traut hinzulegen. Er funktionierte. Er war dabei. Aber innerlich war er irgendwo anders. Was viele als Bravheit lesen, ist manchmal das Gegenteil davon. Romeo war im Totstellreflex — einem Zustand in dem ein Pferd nicht kämpft, nicht flieht, sondern einfach aufhört zu kommunizieren. Es ist die stille Form von Stress. Und genau deshalb fällt sie so oft nicht auf. Das Training mit Romeo war kein spektakuläres. Es war leise. Geduldig. Woche für Woche ein kleines bisschen mehr Vertrauen, ein kleines bisschen mehr Kontakt, ein kleines bisschen mehr Romeo. Und dann, in der achten Trainingswoche, hat er sich abgelegt. Ganz flach auf die Seite. Mit Träumen. Kein Einknicken mehr. Kein Fast-Hinfallen. Einfach ein Pferd das schläft. Für Monika war das der Moment auf den sie jahrelang gewartet hatte. Für mich war es eine Erinnerung daran, warum diese Arbeit mehr ist als Training.
"Romeo hat sich abgelegt zum Schlafen und das wollte ich erreichen. Vielen Dank."
- Monika M.

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